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Schulterschluss in Sachen Kaffee


Die ›Kaffeemacher‹ aus Basel sind Miteigentümer der Finca Santa Rita – ein zukunftsweisendes Modell für sinnbringende Kooperation über die gesamte Wertschöpfungskette.

Kaffee hat sich zum Modegetränk entwickelt. Doch während global agierende Kaffeekonzerne dank steigender Nachfrage enorme Gewinne erzielen, haben die kleinbäuerlichen Produzenten weiter das Nachsehen: Der börsennotierte Kaffeepreis deckt nicht einmal ihre Produktionskosten, faire Kredite sind kaum zu bekommen.

Risiko gemeinsam tragen
Die in Basel ansässigen ›Kaffeemacher‹ schlagen einen anderen Weg ein. Unterstützt durch ein Darlehen der Stiftung Evidenz sind sie seit dem Sommer 2017 Teilhaber der Kaffeefarm Santa Rita in Nueva Segovia in Nicaragua. Hinter dieser Kooperation steht die Idee eines Schulterschlusses über die gesamte Wertschöpfungskette: Bewusst will das junge Unternehmen das mit dem Anbau verbundene Risiko gemeinsam mit den Produzenten vor Ort tragen, mit seinem Engagement die kleine Finca stabilisieren und zu ihrer Entwicklung beitragen. Kaffeemacher-Gründer Benjamin Hohlmann ist Mitglied im Stiftungsrat der Stiftung Evidenz. Er arbeitet unter anderem mit Röstern, Baristi und Sensorikern zusammen, um die Kaffeequalität in der Schweiz und in Europa zu verbessern – etwa durch Schulungen für die Gastronomie, Röstereien oder Privatpersonen. ›Mit der Beteiligung an einer Kaffeefarm können wir auch vom Anbau aus erster Hand berichten und alle Zusammenhänge ganz aus dem Inneren verstehen lernen‹, erklärt er. Die Kaffeemacher sind zu 50 Prozent Miteigentümer der Farm, die andere Hälfte gehört einem einheimischen Agronomen. Verluste werden ebenso geteilt wie Gewinne. Dadurch, dass die Schweizer einen Grossteil der Produktionskosten vorfinanzieren, sorgen sie für die nötige Liquidität der Finca, ohne dass der Kaffee vorverkauft werden muss oder wichtige Investitionen oder Arbeiten auf der Farm unterbleiben.

Mehr Wertschöpfung vor Ort
›Ein wichtiger Schritt war die Erneuerung der Wet Mill, in der die Kaffeekirschen gewaschen und die inliegenden Bohnen herausgelöst werden‹, berichtet Benjamin Hohlmann. ›Auf diese Weise können die Mitarbeiter das Processing, also die Weiterverarbeitung nach der Ernte, direkt auf der Farm leisten. Das hält die Wertschöpfung auf der Farm, gibt uns die Kontrolle über die Qualität und schafft Arbeitsplätze.‹ Der Baumbestand wird nach und nach erneuert und insgesamt deutlich reduziert, um die Fläche organisch bewirtschaften zu können. In der neu angelegten Baumschule werden Setzlinge selbst gezogen, ein Varietäten-Garten wurde angelegt, der in Zukunft auch benachbarten Bauern Saatgut liefern wird. Ausserdem gibt es nun einen Gemüsegarten zur Selbstversorgung für die auf der Farm lebenden Mitarbeiter und ihre Familien.

Sichere Arbeitsplätze mit angemessenen Löhnen für feste Mitarbeiter der Finca ebenso wie Saisonarbeitskräfte, gute sanitäre Bedingungen, Zugang zu Bildung und Versicherungen – all dies ist leider keine Selbstverständlichkeit, gehört aber zu einem gesunden Wirtschaften auch dazu.

So ist ein Experimentier- und Lernfeld entstanden, in dem alle Beteiligten Schritt für Schritt vorangehen wollen. ›Die Farm soll eine stabile, sich selbst finanzierende Finca werden. Das ist uns wichtig‹, unterstreicht Benjamin Hohlmann. ›Es geht hier nicht um Sponsoring. Wir wollen versuchen, die Farm so zu gestalten, dass sie unternehmerisch erfolgreich ist und auch als Modell für andere Co-Owned Fincas und Partnerschaften zwischen Röstereien und Produzenten taugt.‹

Bereits im ersten Jahr der Zusammenarbeit zeigten sich allerdings auch schon die mit dem Kaffeeanbau verbundenen Risiken: Starke Regenfälle und zu niedrige Temperaturen sorgten für Ernteausfälle, ein Teil der Kaffeekirschen musste vorzeitig und in unreifem Zustand geerntet werden. Die Nachfrage nach Kaffee von der Finca Santa Rica allerdings war enorm: ›Es ist erstaunlich, wie gross die Reichweite durch die Partnerschaft mit den Kaffeemachern ist‹, berichtet Benjamin Hohlmann. ›Die Farm ist plötzlich auf einem Horizont erschienen, auf dem Kleinproduzenten gar nicht und auch grössere Firmen nur selten auftauchen.‹

Ideelle Partnerschaft
Die Unterstützung der Stiftung Evidenz geht weit übers Finanzielle heraus – das vergebene klassische Darlehen hätte das vielversprechende Start-up an anderer Stelle wahrscheinlich sogar zu günstigeren Konditionen erhalten. ›Viel wichtiger ist die ideelle Partnerschaft‹, betont Benjamin Hohlmann. ›Die Stiftung nimmt eine Art Wächterfunktion ein, indem sie den Entwicklungsprozess begleitet und darauf achtet, dass wir unserem Anfangsimpuls treu bleiben.‹ Das drückt sich auch im Darlehensvertrag aus. Zukünftige Gewinne werden nicht privatisiert, sondern sinnorientiert und gesellschaftlich wirksam eingesetzt – so ist es auch in den Statuten festgehalten, die nur mit Zustimmung der Stiftung Evidenz geändert werden können.

Zum Kaffee hat die Stiftung Evidenz durchaus eine besondere Beziehung – schliesslich verdankt sie ihre Existenz den Zuwendungen aus dem Nachlass einer Hamburger Kaufmannsdynastie, die zu den grossen Playern des Kaffeehandels zählte. Dass ein Teil dieses Geldes, das im Zuge des konventionellen Kaffeehandels verdient wurde, nun als Darlehen in ein sozial und ökologisch nachhaltiges Kaffeeprojekt fliesst, erscheint besonders passend. ›Als Stiftung unterstützen wir inhaltlich und finanziell den unternehmerischen Impuls von Benjamin Hohlmann und seinem Team, von Anfang an anders zu wirtschaften und möglichst viele Prozesse im Kaffeehandel mitzugestalten‹, so Andrea Valdinoci. ›Diese Geste, Unternehmungen zu fördern, die im Kern den gesellschaftlichen Nutzen im Fokus haben, um einen neuen Geldkreislauf zu begründen, bilden einen neuen Förderbereich der Stiftung Evidenz.‹